Zugeständnisse sind "fauler Kompromiss"

Quelle: Deutschland Radio

Beqë Cufaj sieht durch Einigung mit Serbien "keine Vorteile" für sein Heimatland

Die Zugeständnisse, die der Kosovo im Rahmen der Bewerbung für eine EU-Mitgliedschaft gemacht hat, sind aus Sicht von Beqë Cufaj ein "fauler Kompromiss". Der kosovo-albanische Schriftsteller sieht dadurch keinerlei Vorteile für sein Land.

Ulrike Timm: Serbien ist seit gestern Beitrittskandidat zur Europäischen Union. Auch wenn es noch viele Jahre dauern kann, bis aus einem Kandidaten ein Mitglied wird, ist das doch ein deutlicher Schritt für ein Land, das vor 13 Jahren noch Ziel von Angriffen während des Kosovokrieges war. Der frühere Regierungschef Serbiens, Zivkovic, spricht von einem historischen Ereignis, das Serbien an die riesige europäische Familie binden würde.

Ein Hindernis auf dem Weg zum europäischen Staat in europäischer Gemeinschaft ist der lange und fortdauernde Konflikt mit der einstigen Provinz Kosovo. Nachdem sich das Kosovo 2008 gegen den Willen Belgrads für unabhängig erklärte, gibt es immer wieder Zwischenfälle an der kosovarisch-serbischen Grenze.

Kosovo wird künftig auf allen regionalen Konferenzen beteiligt sein - das ist die Kröte, die Serbien schlucken muss. Kosovo darf sich international nicht als Republik bezeichnen und wird mit Kosovo Sternchen quasi als Fußnote geführt - das ist die Kröte, die die Regierung des Kosovo schlucken muss. Wie er diese Entscheidung sieht, darüber sprechen wir jetzt mit dem Schriftsteller Beqe Cufaj. Er ist Kosovo-Albaner und lebt heute in Stuttgart. Schönen guten Tag!

Beqe Cufaj: Guten Tag nach Berlin.

Timm: Herr Cufaj, was bedeutet es für Sie, aus einem Sternchen-Staat zu stammen?

Cufaj: Ich glaube, das Kosovo ein Staat ist, ich glaube, dass dieses Sternchen nicht dem Kosovo, beziehungsweise der Republik Kosovo gehört. Die Republik Kosovo wurde ja auch sogar von der Bundesregierung anerkannt. Dieses Sternchen gehört exklusiv der heutigen Regierung, und exklusiv und inklusiv dem Ministerpräsidenten des Landes, Hashim Thaci. Was ich, beziehungsweise was die Kosovaren, die Kosovo-Albaner unter dem Sternchen verstanden haben, ist eigentlich ein gewisser fauler Kompromiss, das machen ja die Europäer in Zwischenzeit sehr gut auf dem Balkan. Den Serben kann man nur gratulieren, dass man bei diesen regionalen Treffen beziehungsweise, bei Teilnahme vom Kosovo, die Republik weglässt und das Sternchen da draufsetzt. Aber die Europäer machen das sehr gut, es ist einfach ein fauler Kompromiss …

Timm: Herr Cufaj …

Cufaj: … um dem Tadic zu helfen, also dem Präsident von Serbien, die Wahlen hier zu gewinnen und die schwache beziehungsweise korrupte Regierung unter Hashim Thaci weiterhin zu unterstützen.

Timm: Aber es ist doch Tatsache: Die kosovarische Regierung hat diese Regelung mit dem Sternchen akzeptiert. Machen wir es mal einfach, welche Vorteile verspricht sie sich davon?

Cufaj: Im Grunde genommen gar keine. Wenn es eine Regierung im Kosovo gibt, die ja durch Wahlbetrug heute regiert, das ist dann nicht eine legitimierte Regierung, erstens. Zweitens, wie gesagt, wir haben ja einen Ministerpräsidenten, der Hashim Thaci heißt, der gleichzeitig beziehungsweise gestern nach Tadic in Brüssel war und gegen ihn auch vermittelt wird beziehungsweise ermittelt wird, und gleichzeitig dafür bereit ist, einen solchen Kompromiss einzugehen, weil er einfach seine Machtposition behalten will. Es ist ja fast tragisch, was da im Kosovo passiert, es ist ja ein Riesenloch. Die Europäische Union hat die größte Mission in der Geschichte der Europäischen Union dort hingeschickt, um Korruption und Mafia-Staatswesen zu bekämpfen. Die tun nichts, die sehen es, dass eigentlich der einzige Arbeitgeber sozusagen die Regierung ist, und die lassen die Typen das weiterhin vorantreiben. Worauf ich hinaus will, ist sehr einfach: Die Kosovaren beziehungsweise die Mehrheit der Albaner also im Kosovo müssen sich damit auseinandersetzen, sie müssen sich gegen diese Regierung hinstellen und alles dafür tun, dass in ihrem neuen Staat einfach einen demokratischen Geist auftritt, weil das, was dort passiert, ist einfach eine Fast-Autokratie. Und …

Timm: Habe ich Sie …

Cufaj: … es ist schrecklich, es ist einfach schrecklich, dass dort eigentlich wir - ich sage mal so, wir als Steuerzahler - so viel Geld dafür ausgeben, dass dort diese Missionäre, die im Kosovo sind, um dem Staatswesen zu helfen und zu beobachten, nichts tun und sich einlassen mit solchen Quasi-Regierungschefs.

Timm: Habe ich Sie richtig verstanden: Serbien kann sich rundum und uneingeschränkt gratulieren, weil durch diese Regelung eine kosovarische Regierung, die sie sowieso nicht ernstnehmen, ein kleines bisschen mit dem Sternchen gestreichelt wurde?

Cufaj: Aber natürlich. Ich meine, ich sage Ihnen etwas, ich sage nicht, dass Serbien toll ist. Wir haben ja ein Riesenproblem auf dem Balkan, da sind schreckliche Kriege passiert, und zwar nicht nur im Kosovo, sondern zehn Jahre lang, und wie es Faulkner einmal gesagt hat: Die Vergangenheit ist nicht tot, sondern sie ist nicht einmal vergangen. Das Hauptproblem, das wir aber im Kosovo haben, ist, dass wir eine sehr schwache Regierung haben beziehungsweise diese Regierung ist ja, wie gesagt, eine Regierung, die nicht regiert. Sie können jetzt diese Regierung anrufen, und diese Regierung hat etwa sechs stellvertretende Ministerpräsidenten und den Ministerpräsidenten, aber keinen Regierungssprecher. Ich meine, sie können jetzt nach Syrien anrufen, und da meldet sich ein Sprecher von Assad. Aber diese Regierung im Kosovo hat nicht einmal einen Sprecher. Verstehen Sie, was ich meine? Und da sind sogar die Europäer, um so was zu verhindern, das, was im Kosovo passiert, in meinen Augen, ist einfach eine Farce. Diese Fußnote, dieses Sternchen ist als Dank an diese Regierung beziehungsweise an den Ministerpräsidenten passiert, aber ich glaube nicht, dass das für die Kosovaren annehmbar ist. Was ich natürlich nicht verstehe beziehungsweise was ich jetzt mehr als peinlich finde, ist, wenn zum Beispiel ein deutscher oder ein amerikanischer Botschafter mitten im Kosovo da sagen, diejenigen oder derjenige, also diejenigen kritischen Stimmen, die gegen dieses Sternchen sind, sind gegen Europa. Das ist ein völliger Quatsch - so was hat man nicht einmal im 19. Jahrhundert gesprochen. Also ich zahle nicht den deutschen Botschafter als Steuerzahler, dass er mich jetzt belehrt, ob ich europäischen Geist habe oder nicht, weil ich gegen eine Fußnote bin.

Timm: Deutschlandradio …

Cufaj: Fußnote ist einfach eine Verlängerung des Konflikts.

Timm: Deutschlandradio Kultur, das "Radiofeuilleton" im Gespräch mit dem Schriftsteller Beqe Cufaj über die künftige Rolle des Kosovo. Herr Cufaj, lassen Sie uns mal sprechen über die Vertreter der Europäischen Union, die Sie ja auch sehr kritisieren in diesem Konstrukt, was jetzt entstanden ist. Man kann natürlich auch sagen, politische Mühlen malen langsam, und ein kleiner Schritt in eine gute Richtung ist auch ein Teil des Weges. Ist das so falsch?

Cufaj: Das ist gar nicht so falsch, und es gilt vor allem für Serbien. Serbien hat sich teilweise mit seiner Vergangenheit auseinandergesetzt, Serbien hat seine Kriegsverbrecher beziehungsweise angeklagten Kriegsverbrecher ausgeliefert. Kosovo hat sich nicht mit der Vergangenheit auseinandergesetzt. Im Kosovo gilt die goldene Regel: Wer damals ein Kommandant war, ist heute ein Politiker beziehungsweise ist heute ein Premierminister. Und es ist einfach schrecklich, dass die Europäische Union da auch mitregiert und mitzieht und - bedauerlicherweise muss ich es sagen - und auch mit tut.

Timm: Wie sehen Sie denn die Rolle der europäischen Vertreter, die das mit ausgehandelt haben? Die haben es ja nicht nur begleitet.

Cufaj: Ich habe Ihnen auch gesagt, und ich stehe dazu, dass es wirklich um Serbien dieses Mal ging. Die Kosovaren müssen sich selbst damit auseinandersetzten. Ich sage Ihnen, es gab sehr laute Proteste, die waren natürlich nicht nach Berlin gekommen und nicht nach Brüssel, diese Stimmen. Wir haben ja Regierung, obwohl die durch Wahlbetrug da steht, aber da kocht was. Verstehen Sie, da kocht was - das, was im Kosovo passierte, stimmt nicht, und ich bin da ziemlich pessimistisch, aus einem einfachen Grund, weil man muss sich damit auseinandersetzen, dass man einfach einen gewissen, sage ich mal, demokratischen Geist vorantreibt. Es kann ja nicht sein, dass das, was Republik genannt worden ist, jetzt ohne Republik und mit einem Sternchen dasteht.

Timm: Sie sagen so schön, da kocht was n Kosovo, und kritisieren die Regierung dort sehr scharf. Was wäre denn aus Ihrer Sicht dass Dringendste, was dort umgehend passieren müsste, damit der Kochtopf nicht immer nur heiß in sich selber blubbert?

Cufaj: Das Dringenste ist natürlich Ermittlungen, Ermittlungen - und nur Ermittlungen. Man muss einfach gegen diesen Ungeist, gegen diesen autokratischen, fast belarussischen Geist kämpfen, und ich finde es mehr als peinlich, wenn sich ein Ministerpräsident, gegen den ermittelt wird, mit der außenpolitischen Chefin von uns Europäern küsst, nur weil er da sein Ja zu diesem Sternchen gegeben hat. Ich finde es mehr als peinlich, ehrlich gesagt.

Timm: Das heißt dann, auch wenn Kosovo künftig nicht mehr durch die UNO vertreten wird, sondern eigene Vertreter schickt auf Regionalkonferenzen, erwarten Sie davon gar nichts?

Cufaj: Natürlich nicht, weil Serbien wird nie Kosovo auch mit Sternchen akzeptieren als ein eigenes Subjekt.

Timm: Herr Cufaj …

Cufaj: Ja?

Timm: Spinnen wir mal ganz kurz zum Schluss. Möchten Sie in einer fernen Zukunft eigentlich irgendwann mal in ein sternchenfreies Kosovo zurück?

Cufaj: Ich bin ja zurück, ich pendle. Ich bin dort, und ich bin hier. Aber…

Timm: Ich meinte, praktisch vollständig, dort wieder leben, mit aufbauen helfen und so …

Cufaj: Nein, nein, also unter diesen Umständen niemals, niemals, weil das kein Staat ist. Was dort passiert, ist einfach ein Experiment, es ist schrecklich, es funktioniert nichts. Verstehen Sie, es funktioniert gar nichts.

Timm: Beqe Cufaj, der Schriftsteller, übt scharfe Kritik an dem Konstrukt, mit dem Serbien jetzt Beitrittskandidat zur Europäischen Union geworden ist. Sein nächstes Buchprojekt erscheint bei uns im August in deutscher Sprache. Herr Cufaj, ich danke Ihnen!

Cufaj: Danke, Frau Timm!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Beqë Cufaj wurde 1970 im heutigen Kosovo geboren und lebt als Schriftsteller und Journalist in Stuttgart. Auf Deutsch ist zuletzt sein Roman "Der Glanz der Fremde" erschienen.